Vorweg: Ich bin Zivilist und habe zuletzt ein Tertial meines Praktischen Jahres im Rahmen des Medizinstudiums im Bundeswehrkrankenhaus Ulm verbracht.

Seit über zwei Jahrzehnten stehen Frauen alle Teilstreitkräfte der Bundeswehr offen – zuvor war ihr Dienst auf Sanitätsdienst und Militärmusik beschränkt. Heute liegt der Frauenanteil bei über 13 Prozent. Gynäkologen bei der Bundeswehr müssen aber mit der Lupe gesucht werden. Für die gynäkologische Versorgung verlässt sich die Truppe seit jeher auf das zivile Gesundheitssystem via freier Heilfürsorge. Die einzige Ausnahme bildet das Bundeswehrkrankenhaus Westerstede, wo eine truppenärztliche Sprechstunde in enger Kooperation mit der zivilen Ammerland-Klinik realisiert wird.

Gleichzeitig leistet sich die Bundeswehr Abteilungen für Nuklearmedizin, Augenheilkunde, Dermatologie uvm. Das sind Fächer, die Krankheiten behandeln, von denen Soldaten zweifellos betroffen sind, die jedoch nicht genuin wehrmedizinisch relevant sind und klassischerweise zu den “kleinen Fächern” gehören.

In der Truppe wird argumentiert: Da diese Probleme in der Truppe auftreten, brauche man auch entsprechende Ärzte. Doch gynäkologische Krankheiten sind, oh Wunder, auch bei Soldatinnen zu finden. Die Tatsache, dass sich die Bundeswehr keine eigenständigen Kliniken für Gynäkologie in allen fünf Bundeswehrkrankenhäusern leistet, lässt sich entsprechend schlecht auflösen. Erklärungsversuche von Kollegen (entsprechend inoffiziell) reichten von historisch gewachsenen Zuständen über den Verweis, dass zur Gynäkologie auch die Geburtshilfe gehört, welche ohne angeschlossene Pädiatrie nicht praktiziert werden kann bis hin zur Intimität, die bei Behandlung durch Kameraden nicht gewahrt werden könne. Ich halte entgegen, dass Frauen seit über 50 Jahren Soldatinnen werden können und ein halbes Jahrhundert genug Zeit zur Schaffung entsprechender Strukturen gelassen hätte. Weiterhin praktizieren einzelne medizinische Fachbereiche der Bundeswehr schon jetzt nicht das gesamte Spektrum eines Fachbereichs. Es wäre entsprechend kein Problem, wenn zukünftige Kliniken für Gynäkologie in den fünf BWK keine Geburtshilfe anbieten würden. Zuletzt sei gesagt, dass die Intimität nicht nur in der Gynäkologie verletzt wird, sondern in quasi allen medizinischen Bereichen von der Urologie über die Allgemeinmedizin bis hin zur Psychiatrie.

Um den entstehenden Konflikt zu entzerren bieten sich entsprechend zwei Wege, wobei die Bundeswehr derzeit in einer teuren Mitte verharrt.

Option 1: Das Vollversorger-Modell

Lautet der Anspruch der Bundeswehr, das eigene Personal in allen relevanten medizinischen Disziplinen autark zu versorgen, gehört die Gynäkologie zwingend dazu. Die obligatorische Ausbildung von Frauenärzten in der Geburtshilfe könnte durch externe Rotationen erfolgen. Andere Disziplinen machen es längst vor: Anästhesisten rotieren für anästhesiologische Kindereingriffe an Kinderkliniken, Viszeralchirurgen für komplexe Eingriffe wie Leber- oder Pankreasresektionen an Unikliniken, plastische Chirurgen zur Therapie von Verbrennungsopfern an Verbrennungskliniken. Wer Vollversorgung will, darf die Versorgung von Soldatinnen nicht outsourcen, während Betten für andere zivil lösbare Fächer blockiert werden.

Option 2: Fokus auf genuine Wehrmedizin

Die imho weitaus sinnvollere Alternative ist eine radikale Kürzung des medizinischen Behandlungsspektrums auf wehrmedizinische Bereiche und die zivile Behandlung aller anderen Krankheiten.

  • Unfall-, Gefäß- und Thoraxchirurgie (Damage Control Surgery)
  • Anästhesiologie und Intensivmedizin
  • Einsatz- und Notfallmedizin
  • Psychiatrie und Psychotraumatologie
  • Allgemeinmedizin als truppenärztliche Basis

Hinzu kommen keine isolierten Facharzt-Sparten, sondern militärspezifische Zusatzqualifikationen, die auf diesen Fächern aufbauen: Tauchärzte, Schiffsärzte, Fliegerärzte sowie Spezialisten für den medizinischen ABC-Schutz (CBRN).

Um die notwendigen Fallzahlen und die operative Routine für schwere Traumata zu sichern, müssen die BWK als hochspezialisierte Traumazentren fungieren, die selbstverständlich auch zivile Notfallpatienten versorgen.

Alles, was elektiv ist oder spezielle Nischen betrifft – vom grauen Star über chronische Nebenhöhlenentzündungen bis hin zur gynäkologischen Routinevorsorge –, gehört konsequent in das zivile Gesundheitssystem ausgelagert. Eine gezielte Zuweisung an zivile Praxen und Kliniken ist personell und finanziell wirtschaftlicher, als für jede Fachrichtung eigenes militärisches Personal samt Stationen vorzuhalten.

Fazit

Dass die Bundeswehr keine Gynäkologen ausbildet, ist beim aktuellen Aufbau der Truppenmedizin logisch nicht erklärbar und zugleich sinnvoll. Die Lösung besteht allerdings nicht in der Gründung gynäkologischer Kliniken innerhalb der BWK, sondern in der Abschaffung der restlichen kleinen Fächer und damit einer Rückbesinnung auf reine Wehrmedizin.